Head_5_RZ


Die Behandlung

Jede MDS-Erkrankung hat ihre eigene Ausprägung. Patienten unterscheiden sich auch in der Art der Begleiterkrankungen und ihrem Alter. Zusammen mit den verschiedenen krankheitsspezifischen und individuellen Merkmalen entsteht ein spezifisches Krankheitsprofil. Patienten können somit in eine Hoch- oder Niedrigrisikogruppe eingeteilt werden. Heute ist es den Ärzten möglich, eine Prognose zu erstellen, welcher Patient von welcher Behandlungsmethode am meisten profitiert.

Welche Behandlungen gibt es?

So unterschiedlich Patienten und ihre MDS-Erkrankung sind, so unterschiedlich sind heute auch die Behandlungsmöglichkeiten.

  1. „Abwarten und Kontrollieren“
  2. Transfusion von roten Blutzellen und Blutplättchen
  3. Medikamentöse Behandlung
  4. Behandlungsmöglichkeiten für Hochrisiko-Patienten

Je nach Erkrankungstyp wird eine Behandlungsform gewählt. Diese können variieren und / oder miteinander kombiniert und im Krankheitsverlauf verändert werden.

Bestmögliche Basisbehandlung

Der Ansatz mit der Abkürzung BSC hat das Ziel die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Er nennt sich bestmögliche unterstützende Behandlung (BSC: Best Supportive Care). Im Mittelpunkt steht die Symptombehandlung und keine ursächliche Therapie. So geht es Patienten bspw. besser, wenn sie Bluttransfusionen erhalten. Bei einem Infekt helfen Antibiotika. Und Medikamente, die die Blutbildung anregen, verbessern die Lebensqualität ebenfalls. Außerdem verschreiben die Ärzte Präparate, um das überschüssige Eisen, das den Patienten durch die Transfusionen zugeführt wird, zu entfernen.

Wo es heute bereits möglich ist, werden die Ärzte die Risiken sorgfältig abwägen und alles daran setzen, auch heilende Verfahren anzuwenden.


behandlung-mds

behandlung-mds-basis

1 | Abwarten und Kontrollieren

MDS-Erkrankungen verschlechtern sich häufig sehr langsam. Für Betroffene im Frühstadium einer MDS-Erkrankung kann „Abwarten und Kontrollieren“ die beste Strategie sein. Dies kann auch dann noch der Fall sein, wenn nur geringe Beschwerden bzw. schwache Symptome vorliegen.

Die Erkrankung wird nicht aktiv behandelt. Jedoch sollten Patienten regelmäßig zu ihrem Arzt gehen, um sicher zu sein, dass sich ihre Erkrankung nicht unbemerkt – eben schleichend – verschlechtert.

2 | Transfusion von roten Blutzellen und Blutplättchen

Ziel einer Bluttransfusion ist, die Sauerstoffaufnahme zu verbessern bzw. die Blutungsneigung zu verringern. Die Transfusionen sind heute sehr sicher. Es wird auch kein Vollblut mehr übertragen, sondern nur noch einzelne Komponenten als Konzentrat. Eine Transfusion behandelt die Symptome.

Bei Anämie werden rote Blutkörperchen als Erythrozytenkonzentrat (EK-Gabe) intravenös gegeben. Transfusionsbedürftige MDS-Patienten erhalten i. d. R. ambulant einmal im Monat zwei Erythrozytenkonzentrate.

Weisen die Patienten eine erhöhte Blutungsneigung auf, werden Blutplättchen als Thrombozytenkonzentrat intravenös verabreicht. Diese Transfusion wird ebenfalls ambulant in einer Arztpraxis, Spezialambulanz oder Klinik durchgeführt.

behandlung-mds-transfusion

Zwei Probleme bei regelmäßigen Transfusionen

Wenn viele Transfusionen über einen langen Zeitraum gegeben werden, können Immunreaktionen auftreten. Die körpereigene Abwehr der Patienten entfernt die fremden menschlichen Zellen im Blut dann schneller, als es nötig wäre. Die Patienten brauchen in der Folge mehr Transfusionen.

Bei regelmäßigen Gaben von roten Blutzellen kann es zu einer Eisenüberladung kommen. Der Überschuss an Eisen schädigt Organe wie das Herz und die Leber. Deshalb verordnen Ärzte in diesem Fall ein weiteres Medikament, welches das Eisen bindet und aus dem Körper abführt (Eisenchelatbildner).

Mehr erfahren

Leben mit Transfusion: Tipps für Patienten und Angehörige (Herausgeber: Novartis)

Download PDF

Mehr erfahren

Transfusionsbedingte Eisenüberladung: Leitfaden der Deutschen Leukämie- und Lymphom-Hilfe

Download PDF
_Grafik16
Grafik17
Grafik18

3 | Medikamentöse Behandlung

Für die verschiedenen Erscheinungsformen und Risikogruppen der MDS-Erkrankungen gibt es mittlerweile ein Reihe von Medikamenten.

Zytokintherapie
Durch moderne Biotechnologieverfahren ist es möglich, mit „nachgebauten“ Hormonen die Blutbildung zu unterstützen. Das Hormon Erythropoetin unterstützt die Produktion der roten Blutkörperchen. Die Substanz hat als leistungssteigerndes Mittel unter der Abkürzung „EPO“ im Leistungssport und in der Öffentlichkeit viel Beachtung gefunden (Doping). Um die Bildung von weißen Blutzellen zu unterstützen, wird der Wirkstoff G-CSF verabreicht. Thrombopoetische Substanzen regen die Bildung von Blutplättchen an und verringern den Mangel an diesen.

Valproinsäure
Diese Substanz kann bei Patienten mit niedrigem Risiko eingesetzt werden und ermöglicht ihnen, mehrere Monate ohne Bluttransfusion auszukommen.

Immunmodulatorische und immunsupressive Behandlungsansätze
Durch die MDS-Erkrankung ist das Gleichgewicht zwischen nicht voll entwickelten bzw. funktionsfähigen und ausdifferenzierten, voll funktionsfähigen Zellen aus dem Gleichgewicht geraten. Ziel dieser Behandlungsformen ist es, das Gleichgewicht wieder herzustellen, nämlich durch die Unterdrückung unerwünschter Prozesse und die Förderung erwünschter Prozesse.

Immunsuppression
Ziel dieses Behandlungsansatzes ist es, die unreifen entarteten Zellen des Knochenmarks unschädlich zu machen, bevor sie die Blutbahn erreichen und überschwemmen. Der Wirkstoff Antilymphozytenserum (ATG) neutralisiert die „schädlichen“ Zellen.

Immunmodulation
Bestimmte Substanzen regen die Zellen an, sich weiter auszudifferenzieren und zu gesunden, reifen Zellen heranzuwachsen.


Ein neuer Ansatz

Seit 2013 ist eine immunmodulatorische Therapie mit Lenalidomid (Revlimid®) für Patienten mit einem del(5q)-MDS in der EU zugelassen. Die Behandlung mit dieser Substanz kann aus bisher nicht vollständig geklärten Gründen zu einem Verschwinden der del(5q)-haltigen Zellen im Knochenmark führen. Der Mangel an Blutzellen ist rückläufig, das Knochenmark erholt sich. Rund zwei Drittel der Patienten brauchen schließlich, zumindest über einen gewissen Zeitraum, keine Bluttransfusionen mehr.

Die Behandlung ist nur für einen eingeschränkten Kreis von Patienten sinnvoll, nämlich für diejenigen, die an einem transfusionsbedürftigen MDS in der Risikoklasse niedrig oder intermediär-1 mit der isolierten, zytogenetischen Veränderung del(5q) erkrankt sind.


behnadlung-mds-medikamente

4 | Behandlungsmöglichkeiten für Hochrisiko-Patienten

Für die Behandlung von Hochrisikopatienten stehen weitere Möglichkeiten zur Verfügung.

Demethylierende Substanzen (Azacytidin / Vidaza®)
Diese Wirkstoffe beheben Fehler in der Erbsubstanz der kranken Zellen, sodass sie wieder normal funktionieren können. Außerdem greifen die Wirkstoffe die entarteten Zellen direkt an. Die Behandlung kann, zumindest zeitweise, zu einer Normalisierung des Blutbildes führen.

Chemotherapie
Für bestimmte Patientengruppen mit Hochrisikomerkmalen kann eine Chemotherapie sinnvoll sein. Ziel ist es, den Anteil schlecht ausgereifter Blutzellen im Knochenmark zu verringern und somit mehr Platz für besser ausgereifte Zellen zu schaffen.

Blutstammzelltransplantation (SZT)
Für jüngere Patienten ohne zusätzliche Begleiterkrankungen kann die Knochenmarktransplantation eine weitere Option sein. Die Behandlung ist mit hohen Risiken für die Patienten verbunden. Deshalb kommt sie nur für eine kleine Gruppe in Betracht. Diese Therapie bietet als einzige die Chance auf Heilung.

behandlung-mds-risiko

Chance auf Heilung

dia-g-mory

Günter Mory, MDS-Patient
Die Abstände zwischen den Transfusionen wurden immer kürzer. Ich bekam außerdem eine Infektion mit Fieber und vielfältigen Schmerzen. Das war zuhause nicht mehr beherrschbar. Das Ende war absehbar.


dia-h-mory

Heidemarie Mory, Angehörige
Die Experten schlugen meinem Mann eine Blutstammzelltransplantation vor. Die Chance diese Behandlung zu überleben, lag bei 50%. Trotzdem riet ich meinem Mann dazu. Wir wollten doch nach über 40 Ehejahren noch Vieles gemeinsam erleben.


sockel

Dr. med. Katja Sockel, Hämatologin
Die Knochenmarktransplantation ist besonders bei älteren MDS-Patienten ein Risiko. Herr Mory hatte außerdem das Glück schnell einen Spender zu finden. Die Transplantation hat ihm das Leben gerettet und eine Heilung ermöglicht.